Thüringen: Das verlorene Viertel

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Es war ein Foto, das einen kopfschüttelnd zurücklässt. Auf dem Foto sieht man zwei Männer, die sich die Hand schütteln. Auf den ersten Blick nichts ungewöhnliches, sofern einem diese Männer unbekannt sind. Der eine Mann ist Thomas Kemmerich von der FDP, der kurz zuvor zum neuen Ministerpräsidenten Thüringens gewählt wurde. Der andere ist Björn Höcke, Chef der AfD in eben jenem Bundesland. Letzterer gratuliert scheinbar ersterem, welcher wiederum mit der Hilfe des anderen in das neue Amt gehoben wurde. Selbst die Bildzeitung war von der Szene schockiert.

Viele Fragezeichen in Erfurt und der Republik

Der Aufschrei durch die Republik nach der Wahl war berechtigt. Es war wichtig, ein Zeichen gegen den Rechtsruck und die Legitimation der AfD zu setzen. Doch ist das Chaos groß: zu Neuwahlen kann sich keiner Durchringen, die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat schon ihren Rücktritt verkündet und alle fragen sich, wie’s nun weiter gehen soll in Erfurt.

Mir stellt sich jedoch aktuell weniger die Frage, wie die Parteien mit der AfD umgehen sollten, sondern eher wie mit ihren Wählerinnen und Wählern. In Thüringen waren das immerhin 23,4 Prozent der wählenden Bevölkerung. Das ist fast ein Viertel – also ein nicht zu missachtender Teil der Bevölkerung. Ich möchte hier keineswegs dazu aufrufen, die AfD nun zum Wohle ihrer Wählerinnern und Wähler stärker einzubeziehen, aber ich frage mich wirklich, wie die Politik mit diesem Viertel der Bevölkerung in Zukunft umgehen soll.

Wäre es legitim zu sagen, dass dieses Viertel in Thüringen bzw. auch in der gesamten Republik ignoriert und vernachlässigt wird? Diese Menschen haben immerhin eine Partei gewählt, welche demokratische Werte und Grundsätze mit Füßen tritt. Zumal sie es zumeist nicht aus Protest, sondern aus Überzeugung getan haben. Laut dem Philosophen Karl Popper wäre dies angebracht, da Intoleranz nicht mit Toleranz begegnet werden kann.

Politik nur noch für 3/4 in Thüringen?

Wie geht es also weiter mit dem Viertel der Bevölkerung, das den ganzen Aufschrei vielleicht nicht versteht? Das die Wahl Kemmerichs durch die AfD als vollkommen in Ordnung betrachtet? Ist dieses Viertel verloren für die Demokratie? Haben diejenigen einfach Pech gehabt? Und ist es möglich, dieses Viertel außer Acht zu lassen, ohne die AfD damit weiter zu stärken? Werden dadurch nicht vielleicht die AfD-Wählerinnen und Wähler weiter bestätigt, sodass die Demokraten in einem Teufelskreis gefangen sind? Wird die AfD jetzt stärker, egal ob sie ignoriert oder einbezogen wird? Gibt es noch Chancen, dieses Viertel für die demokratischen Parteien zurückzugewinnen? Oder müssen wir uns einfach daran gewöhnen, dass Politik auch in einer Demokratie nicht mehr für alle gilt, wenn diejenigen nicht mehr an demokratischen Grundwerten festhalten wollen?

Ich kenne keine einzige Antwort auf all diese Fragen und ich wiederhole mich hier gerne: ich verachte die AfD und jeden, der sie wählt. Das sind lediglich Fragen, die ich mir stelle und von denen ich denke, dass die demokratische Bevölkerung und die Politik schnell Antworten auf diese finden müssen – nicht nur in Thüringen, sondern in der gesamten Bundesrepublik. Sonst haben wir viel mehr zu verlieren als nur ein Viertel.

 


Bildnachweis: Photo by Randy Colas on Unsplash

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