Warum wir mehr Mut brauchen

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„Menschen verfallen auch dann, wenn sie hellwach sehen, dass ein Weg falsch ist, in Schweigen, wenn die öffentliche Meinung dagegensteht“, so schrieb Elisabeth Noelle-Neumann (2001: VIII) in ihrem viel rezitierten Buch „Die Schweigespirale“ .

Die erste Auflage jenen Buches ist vor über 30 Jahren erschienen und dennoch scheint es, als wäre die Schweigespirale ein Phänomen, welches – trotz der sozialen Medien oder vielleicht gerade aufgrund dieser – weiterhin zu beobachten ist. Was wir brauchen, ist Mut. Mut, um dieser Spirale zu entkommen. Und wir brauchen diesen Mut dringender als je zuvor.

Medien machen Meinungen

Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist diese Erkenntnis weder eine Geheimnis, noch eine Überraschung. Massenmedien verbreiten nicht nur Nachrichten, sondern auch Meinungen. Sei es offen, in Form von Kommentaren, oder versteckt mithilfe von Framing oder anderen Ansätzen. So entsteht die öffentliche Meinung. Das bringt nur ein Problem mit sich: Wer seine Meinung nicht in den Medien vertreten sehe, der sei, so Noelle-Neumann, nicht in der Lage, seine Meinung öffentlich auszusprechen und verfalle in Schweigen. Die Medien nehmen also eine Artikulationsfunktion für die Menschen ein.

Nun kann dagegen argumentiert werden, dass mithilfe von sozialen Medien jeder Anhänger für seine Meinung finden und außerdem seine Meinung öffentlich kund tun kann. Das mag stimmen, geht aber an der Realität vorbei. Einerseits verbreitet nicht jeder seine Meinung im World Wide Web und wenn es jemand tut, vertritt diese Person häufig nicht die Meinung der Mehrheit. Das Problem: Das Internet suggeriert entweder die Mehrheit oder eine Art der Meinungsführerschaft, sofern diese Person die einzige ist die sich dazu äußert. Weitere schließen sich an, die dennoch weiterhin in der Minderheit sind, aber wie die große Mehrheit scheinen, weil es diejenigen sind, die sich in den Vordergrund drängen. Schon setzt die Schweigespirale ein. Und das ganze Netz scheint voller Hass und Hetze, dabei sitzen viel mehr Menschen hinter dem Bildschirm, die damit nicht übereinstimmen.

Was also tun?

Die Antwort auf die Schweigespirale: Mut. Es bedarf Mut, sich Meinungen entgegenzustellen und sich zu behaupten. Insbesondere, wenn die andere Seite in der Überzahl scheint. Doch wie sonst wollen wir den anti-demokratischen Kräften in Europa Einhalt gebieten? Wie sonst wollen wir uns gegen die Schaufelbagger am Hambacher Forst stellen? Wie sonst können sich Tag für Tag Journalisten gegen einen rassistischen, diskriminierenden und hetzerischen US-Präsidenten stellen? Nur mit Mut. Mit Mut können wir auf aktuelle Entwicklungen unserer modernen Gesellschaft Einfluss nehmen und sie zu einer Gesellschaft machen, die vielleicht nicht ohne Probleme ist, aber in der wenigstens alle die Möglichkeit haben, diese Probleme auszusprechen.

Haben wir heute etwa keinen Mut?

Und ob! Wir haben ihn. Das soll an dieser Stelle gar nicht bestritten werden. #metoo hat sehr viel Mut gekostet. Genauso wie es Mut kostet, sich rechtsextremen Gruppen entgegenzustellen und ihnen offen zu widersprechen. Oder den italienischen Regierungs-Populisten den Haushaltsplan abzulehnen und vielleicht die EU in Gefahr zu bringen. Doch genau jene Umstände, denen wir heute ausgesetzt sind, machen es notwendig mutig zu sein. Ohne den (schmerzlichen) Mut tausender Frauen wären wir der Gleichberechtigung nicht solch ein Stück näher gekommen, hätten noch mehr Wälder zerstört, hätten unsere Demokratie und journalistische Normen in Chemnitz, Brüssel oder Washington nicht verteidigen können.

Doch auch Vorsicht ist angesagt! Wenn wir nicht weiterhin den Mut finden, Missstände sowohl anzusprechen als auch – was vielleicht noch wichtiger ist – sie aktiv in die Hand zu nehmen, droht die Gefahr, dass unsere mühselig erkämpften Werte und Vorstellungen einer funktionierenden, pluralistischen und offenen Gesellschaft an diejenigen abgegeben werden, die genau den gegenteiligen Zustand dieser errichten wollen. Und das müssen wir verhindern.

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